Mächtig erhob er sich über die Lichtung und das ganze Tal. Seine Krone rauschte im Wind, seine Wurzeln reichten tief in die Erde und seine Äste hatten schon unzählige Jahreszeiten getragen.
Er kannte jede Geschichte.
Jedes Wesen, das hier lebte.
Und jede Jahreszeit.
Seine Jahresringe waren mittlerweile so zahlreich geworden, dass man sie kaum noch hätte zählen können.
Und trotzdem stand er dort, Jahr für Jahr.
Eigentlich war der alte Baum schon furchtbar alt. Doch gleichzeitig war er immer wieder jung.
Denn jedes neue Blatt, jeder neue Trieb und jede Blüte brachten neues Leben mit sich.
Es war wirklich erstaunlich, was man alles in sich tragen konnte, dachte der Geschichtenbaum manchmal still bei sich.
Und so blickte er Jahr für Jahr auf sein eigenes Leben.
erzählte aus seinem Leben
Der phantastische Geschichtenbaum


Frühling
Nach dem langen Winter wurde es langsam heller auf der Lichtung.
Tief unten in der Erde spürten die Wurzeln bereits die ersten warmen Strahlen, die den Boden erreichten.
Dann begann das große Erwachen.
Die kleinen Äste meinten plötzlich wieder, in alle Richtungen wachsen zu müssen.
Für den alten Baum fühlte sich das manchmal an, als müsste er einen ganzen Schwarm aufgeregter Vögel gleichzeitig ordnen.
Am liebsten hätte er ständig gerufen:
Nein, nicht dort entlang!
Pass auf, von rechts kommt schon ein anderer Ast!
Doch mit den Jahren hatte der Baum gelernt, dass die Natur ihren eigenen Straßenverkehr meistens erstaunlich gut beherrschte.
Und so ließ er die jungen Äste wachsen, sich strecken und ihren Platz finden.
Einer dieser kleinen Äste reckte sich besonders stolz der Sonne entgegen.
Wundervoll…
diese Wärme.
Diese Kraft.
Schon seit einiger Zeit hatte er bemerkt, dass die Sonne nicht nur angenehm auf seiner Rinde lag. Nein… sie machte ihn auch stärker.
Die Stellen an ihm, die früher noch weich und grün gewesen waren, wurden langsam dunkler und fester.
Das war ebenfalls der Sonne zu verdanken.
Wow.
Jetzt war er nicht mehr nur ein kleines grünes Stümpfchen.
Er bekam langsam richtig Substanz.
Fast so, wie die Menschen, die unten manchmal vorbeigingen und diese großen Muskeln besaßen.
So fühlte es sich jedenfalls für ihn an.
Ich werde Apfelbaum-Muskulus, hätte er am liebsten laut gerufen.
Doch kein Ton kam aus ihm heraus.
Deshalb schüttelte er sich stattdessen ein wenig im Wind und kam sich plötzlich ziemlich mächtig vor.
Was der kleine Ast nicht wusste:
Ein größerer Ast beobachtete ihn bereits die ganze Zeit.
Ein alter, kräftiger Ast, der schon viele Jahreszeiten erlebt hatte.
Innerlich musste er ein wenig schmunzeln.
Ja ja…
so jung müsste man nochmal sein.
Sommer
Dann wurde es bunter im Baum.
Winzige Blättchen lugten plötzlich zwischen den Ästen hervor. Erst zaghaft, dann immer mehr.
Sie wuchsen mit unglaublicher Geschwindigkeit heran.
Kaum hatte der alte Baum sich einen Moment ausgeruht, war er schon wieder überwachsen von frischem Grün.
Überall wisperte es leise, wenn der Wind durch die Krone strich und mit den jungen Blättern spielte.
Jetzt mussten die Wurzeln ganze Arbeit leisten.
Nahrung und Wasser mussten bis in die entlegensten Winkel des Baumes gebracht werden.
Und tief unten in der Erde hieß es dann:
Wasser marsch!
Dann wurde gefördert, getragen und weitergegeben.
Bis jeder kleine Ast, jedes Blatt und jeder neue Trieb versorgt war.
Der alte Baum dachte liebevoll an seine Wurzeln.
Danke… ihr wunderbaren Wurzeln.
Ihr haltet alles.
Ihr tragt alles.
Ihr seid immer für alle da.
Ohne euch wäre ich nichts.
Langsam bewegte er seine mächtige Krone im Wind, fast wie ein stiller Gruß hinunter in die Erde.
Und plötzlich entdeckte er die ersten Blüten.
Blüten.
Er liebte Blüten.
Diese zarte, helle Pracht, die ihn jedes Jahr für kurze Zeit zum wohl schönsten Wesen auf der ganzen Lichtung machte.
Jeder wollte seine Blüten sehen.
Insekten kamen von weit her angeflogen und summten den ganzen Tag um ihn herum.
Summ, summ…
hast du gesehen, wie schön er ist?
Summ, summ…
und dieser Blütennektar ist der beste weit und breit.
Der alte Baum hörte das leise Summen überall zwischen seinen Ästen und musste innerlich schmunzeln.
Still hieß er jeden willkommen.
Die Vögel ließen sich auf seinen starken Ästen nieder und sangen ihre Lieder. Manche bauten sogar ihre Nester zwischen seinen Zweigen.
Mehr und mehr wurde er zum Mittelpunkt des Lebens auf der Lichtung.
Und es gefiel ihm.
Herbst
Dann kam die Zeit der Früchte.
Nun begann das eigentliche Wachstum.
Der Baum gab den Früchten seine ganze Kraft.
Und sie nutzten sie.
Tag für Tag wurden sie größer und schwerer, bis sie tief an seinen Ästen hingen.
Manchmal glaubte der alte Baum beinahe, sie würden ihn auseinanderreißen, so schwer lasteten sie auf seinen Zweigen.
Doch trotzdem hielt er sie.
Er trug sie.
Er schützte sie.
Bis sie reif waren.
Und was machten diese kleinen Früchtchen dann?
Sie fielen einfach hinunter.
Fast so, als wollten sie sagen:
Das reicht jetzt.
Wir suchen uns unseren eigenen Weg.
Mach’s gut, alter Baum.
Und fort waren sie.
Bis auf ein paar wenige natürlich.
Die wollten einfach nicht loslassen.
Sie hingen an ihm wie kleine Kletten.
Doch ein alter Baum ließ niemanden einfach allein.
Irgendwann würde der Wind sie schon vorsichtig von ihm lösen.
Langsam begann der Herbst, die Blätter von seinen Ästen zu tragen.
Wie ein warmer Föhn fuhr der Wind durch seine Krone.
Und Blatt für Blatt ließ der Baum los.
Winter
Schließlich wurde der Baum still.
Die Blätter deckten nun die empfindliche Erde unter ihm zu, wo längst schon wieder ein anderer Kreislauf begann.
Der alte Baum mochte den Winter sehr.
Er war froh, dass die zarten Triebe und jungen Blätter nicht in dieser kalten Zeit wachsen mussten.
Er selbst hatte im Laufe der Jahre eine starke, wetterfeste Rinde bekommen.
Hitze und Frost konnten ihm kaum noch etwas anhaben.
Wenn Raureif seine kahlen Äste überzog, fühlte sich das für ihn fast wie eine kühle Decke an.
Behaglich.
Still.
Der Winter war seine Zeit zum Ausruhen.
Und während der Mond nachts über die Lichtung wachte, stand der alte Geschichtenbaum ruhig im Schnee und träumte bereits vom nächsten Frühling.

