Gefühlsgeschichten

Kleiner Angsthase
Das große Bauchgrummeln
Gefühls

Hoppel, der kleine Bruder von Hopsi, saß tief in der Höhle.

Draußen tobte ein Gewitter.

Der Wind rauschte durch die Bäume, der Regen prasselte auf die Erde –
und jedes Mal, wenn ein Blitz den Höhleneingang grell erleuchtete,
zuckte Hoppel zusammen.

Schnell hielt er sich die langen Ohren vors Gesicht.

„Oh nein…“, flüsterte er leise.

Dann kam der Donner.

Ein tiefes, grollendes RUMMMS, das durch die Erde vibrierte.

Hoppel bekam eine richtige Entenpelle vor Angst.
Sein Herz klopfte schnell, ganz schnell.

Am liebsten wäre er jetzt ganz nah bei seiner Mama gewesen.
Ganz dicht. So, dass er ihren warmen Fellbauch spüren konnte.

Aber seine Geschwister waren nicht da.

Und wenn sie da gewesen wären, hätten sie vielleicht wieder gesagt:

„Angsthase! Pfeffernase!“

Hoppel drückte sich noch tiefer in die Ecke.

„Warum bin ich nur so?“, murmelte er.

„Warum bin ich nicht mutig wie Hopsi?“

Hopsi hatte sogar Freunde, die ganz anders waren.
Eine Füchsin… und eine Katze!

Hoppel schüttelte sich.

„Niemals…“, dachte er.

„Ich bleib lieber ein lebendiges Häschen.“

Er nickte sich selbst zu.
Das klang in seinem Kopf sehr vernünftig.

Plötzlich krachte es besonders laut.

KRAAACH!

Hoppel sprang auf und flitzte panisch in die hinterste Ecke der Höhle.

Doch dabei hatte er etwas gesehen.

Nur ganz kurz.

Ein Bild.

Im grellen Licht des Blitzes – draußen vor der Höhle –
war etwas… oder jemand… zusammengebrochen.

Hoppel hielt inne.

Sein Herz klopfte jetzt noch schneller.

„War das… echt?“

Er blinzelte.

„Bestimmt nur ein Schatten“, flüsterte er.

Aber das Bild blieb.

Es ging nicht weg.

Immer wieder sah er es vor sich.

Jemand lag da draußen.

Allein.
Im Regen.
Im Gewitter.

Hoppel schluckte.

„Vielleicht braucht jemand Hilfe…“

Dann schüttelte er sofort den Kopf.

„Was kann ich schon tun? Ich bin doch nur ein kleiner Hase.“

Er zog die Ohren noch enger an sich.

Aber dann…

kam dieses Gefühl.

Dieses kleine, pieksige Gefühl in seinem Bauch.

Nicht Angst.

Etwas anderes.

„Und wenn… wirklich jemand Hilfe braucht?“

Hoppel wurde ganz still.

„Und ich bleibe einfach hier…?“

Jetzt wurde ihm warm im Bauch.

Nicht gemütlich warm.

Sondern… irgendwie ernst.

Langsam stand Hoppel auf.

Seine Beine zitterten ein bisschen.

Ganz vorsichtig schlich er zum Höhleneingang.

Ein Schritt.
Noch einer.

Der Regen roch nach nasser Erde.

Der Wind pustete ihm entgegen.

Dann – ein Blitz.

Die Welt wurde für einen kurzen Moment hell.

Und Hoppel sah es ganz deutlich:

Da lag wirklich jemand.

Sein Herz rief sofort:

„Zurück! Schnell zurück!“

Und seine Pfoten wollten schon losrennen.

Aber…

Hoppel blieb stehen.

Er atmete tief ein.

Und noch einmal.

„Ich habe Angst…“, flüsterte er.

„Aber… ich kann trotzdem etwas tun.“

Da hatte er eine Idee.

Direkt neben der Höhle lebte ein Reh.

Rudi Reh.

Rudi war groß.
Und freundlich.
Und stark.

Hoppel musste gar nicht hinaus ins Gewitter.

Er konnte durch den Seitengang rufen.

Schnell lief er los.

„Rudi! Rudi!“, rief er so laut er konnte.

„Bitte komm!“

Nur wenige Augenblicke später stand Rudi am Eingang.

„Was ist los, Hoppel?“

Hoppel zeigte mit der Pfote nach draußen.

„Da… liegt jemand.“

Rudi zögerte keine Sekunde.

Er lief hinaus in den Regen.

Kurz darauf kam er zurück.

Ganz vorsichtig.

Und auf seinem Rücken lag ein kleiner Igel.

Der Igel war nass und zitterte.

Ein Bein war verletzt.

Und eine kleine Beule war auf seinem Kopf.

„Gut, dass du gerufen hast“, sagte Rudi leise.

„Er hätte alleine nicht mehr lange dort draußen liegen können.“

Hoppel setzte sich neben den kleinen Igel.

Ganz vorsichtig.

Sein Herz klopfte noch immer.

Aber jetzt fühlte es sich anders an.

Ruhiger.

Wärmer.

Später, als das Gewitter weitergezogen war,
kamen auch Hoppels Familie und seine Geschwister zurück.

Sie hörten, was passiert war.

Und sie sahen Hoppel an.

Ganz anders als sonst.

Seine Mama lächelte.

„Du warst sehr mutig“, sagte sie sanft.

Seine Geschwister nickten.

„Ja… wirklich.“

Hoppel wurde ein kleines bisschen rot.

„Ich hatte trotzdem Angst…“, sagte er leise.

Da setzte sich seine Mama neben ihn.

„Weißt du…“, flüsterte sie,
„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.“

Sie stupste ihn liebevoll an.

„Mut bedeutet, etwas Gutes zu tun… obwohl man Angst hat.“

Hoppel dachte darüber nach.

Dann lächelte er.

Ein ganz kleines, stilles Lächeln.

Und tief in seinem Bauch…

war das Grummeln verschwunden.

Dort war jetzt etwas anderes.

Etwas Starkes.

Etwas Warmes.

Vielleicht…

ein kleines bisschen Mut